[ Foto: Subnetz aufgeplant im Winterlager Travemünde ]
Gestern haben Jan und ich die Subnetz aus dem Wasser geholt. Es war einer dieser blassen Septembertage, an denen die Sonne nicht mehr richtig wärmt und das Wasser im Hafenbecken so still liegt, dass man Angst hat, ein lautes Wort könnte es zerbrechen.
Es war ein gutes Jahr. Frieda hat mit ihren vier Jahren tapfer durchgehalten, sogar bei der kleinen Kreuz vor Fehmarn, als wir alle nass wurden. Steffi und Markus waren wieder oft mit dabei, und der Schwedentörn im Juli war so schön wie lange nicht mehr.
Aber ehrlich gesagt: ich weiß nicht, ob ich nächstes Jahr noch viel hier schreiben werde. Das Logbuch hier ist mehr Arbeit geworden, als ich gedacht hatte, und im Job ist gerade auch viel los (neuer Tenant-Migrations-Wahnsinn). Vielleicht poste ich mal wieder was. Vielleicht auch nicht. Ich lass das einfach so stehen.
Falls jemand das hier liest und Lust hat: kommt nach Travemünde, ich zeig euch die Stege. Aber ruft vorher an – ich bin ja eigentlich Sysadmin und nicht so ein Blog-Mensch, ihr wisst schon. ;)
Bis irgendwann mal,
Anna
Saisonende Travemünde Familie
[ Foto: Sonnenuntergang in einem schwedischen Skärgård-Hafen ]
Drei Wochen, sieben Häfen, eine erstaunlich seetaugliche Vierjährige. Wir sind am 3. Juli in Travemünde los, über Bornholm hoch nach Karlshamn und dann durch die Schären bis Karlskrona. Frieda hat eine Phase, in der sie alles selber machen will, und an Bord heißt das vor allem: Leinen halten, Steuermann spielen und beim Anlegen lautstark kommentieren, was Papa falsch macht.
Bornholm war wie immer voll. Wir hatten Glück mit einem Längsseits-Platz in Hasle, weil ein Däne uns eingewunken hat, dem wir vor zwei Jahren in Christiansø geholfen hatten. So funktioniert die Ostsee, und das ist einer der Gründe, warum ich das Segeln nie aufgeben werde.
In Karlshamn habe ich in einem winzigen Café einen Kaffee getrunken, der nach echtem Kaffee schmeckte, und Jan hat währenddessen mit Frieda Steine ins Wasser geworfen. Es war einer dieser Momente, wo man sich denkt: das ist es. Mehr braucht es nicht.
Auf dem Rückweg durch die Hanöbukta hatten wir 5 Beaufort aus Südwest, raue Welle, und Frieda hat im Salon geschlafen wie ein Stein. Ich glaube, sie ist ein Naturtalent.
Schweden Schären Familientörn Bornholm
Endlich wieder los. Pfingsten in Burgtiefe, mit Steffi und Markus an Bord, und es war so, wie Pfingsten sein soll: viel Wind am ersten Tag, am zweiten Sonne und Pott, und am dritten ein langsames, friedliches Zurückgleiten.
Markus hat mir endlich erklärt, wie man die Genua richtig setzt – ich segle jetzt seit der Kindheit und musste mir das von einem Bayern erklären lassen. Norddeutsche Identitätskrise. Aber er hatte recht.
Frieda hat erstmals länger als zehn Minuten alleine im Cockpit gespielt. Wachstum auf allen Ebenen.
Fehmarn Pfingsten Crew
Heute Kran. Heute Subnetz im Wasser. Heute ich sehr glücklich.
Das Refit dieses Winters war länger als geplant – die Saildrive hat uns mehr beschäftigt, als sie sollte, und die neue Bordelektrik hat Jan und mich an mehreren Wochenenden zur Verzweiflung gebracht. Aber jetzt: alles drin, alles dicht, neue LED-Ankerlaterne, neuer Plotter (B&G, nicht der teuerste, aber der mit dem besten Display), und der alte Funkgerät-Aufkleber unter dem Kartentisch ist endlich weg.
Onkel Bernd war zum Krantermin da und hat Jan und mir die Theorie der „guten Slipleinen" erklärt, als hätten wir das nicht schon hundertmal gehört. Aber er hat es so erzählt, als wäre es das erste Mal, und wir haben so getan, als hörten wir es zum ersten Mal. Das ist Familie.
Saisonstart Refit Travemünde
Es wird das erste Weihnachten ohne Papa, das Frieda bewusst miterlebt. Sie ist jetzt drei und fragt nach Opa, wenn sie sein Bild auf der Kommode sieht. Ich weiß nicht, was ich ihr antworten soll, außer dass Opa uns lieb hat und in unserer Erinnerung weiterlebt. Mama sagt das ähnlich, und vielleicht ist es das Einzige, was man sagen kann.
Das Segeljahr 2020 war seltsam: erst durfte man nicht, dann doch, dann wieder nicht, dann wieder doch. Wir sind nicht nach Schweden gefahren, sondern haben uns auf Mecklenburg-Vorpommern beschränkt – und das war wunderschön. Stralsund, Hiddensee, Rügen. Manchmal ist das Naheliegende eben das Beste.
Im Januar werde ich versuchen, die alten Logbücher meines Vaters zu sortieren. Er hat von 1979 bis 2018 jedes Jahr ein Heft geführt. Ich glaube, ich werde daraus eine kleine Familienchronik machen.
Persönliches Trauer Familie
[ Foto: Hafen Vitte, Hiddensee, früher Morgen ]
Vitte. Sechs Uhr morgens. Frieda schläft noch. Jan und ich sitzen mit Kaffee im Cockpit und keiner sagt ein Wort, weil keiner ein Wort sagen muss.
Wir sind über Klützer Winkel und Stralsund hierhergekommen, wegen Corona ohne große Pläne. Das Schöne: man muss nichts. Man kann liegen bleiben. Man kann den ganzen Tag im Hafen sitzen und Möwen zusehen, wie sie Touristen die Pommes klauen.
Ich habe Markus eine Sprachnachricht geschickt, in der ich versucht habe, das Licht zu beschreiben, das hier morgens auf dem Wasser liegt. Er hat geantwortet: „Klingt nach Hiddensee. Genießt es." Mehr braucht es nicht.
Hiddensee Mecklenburg Corona-Sommer
Es waren genau achtzehn Sekunden. Aber sie zählten.
Wir hatten kaum Wind, drei Knoten Fahrt, und ich habe sie auf meinen Schoß genommen und ihre Hände auf das Rad gelegt. Sie hat mit einer Konzentration auf den Kompass geschaut, dass ich kurz Tränen in den Augen hatte. Achtzehn Sekunden lang war meine dreijährige Tochter Steuermann der SY Subnetz.
Dann wollte sie wieder Eis. Aber das ändert nichts.
Frieda Familie Erste Male
Wir haben heute mit dem Antifouling angefangen und ich kann gerade keinen Pinsel mehr sehen. Jan ist auf dem Steg eingeschlafen. Frieda hat sich entschieden, dass blaue Farbe an den Händen das schönste ist, was es gibt. Ich gebe ihr da nicht ganz unrecht.
Eigentlich wollten wir zu dritt heute fertig werden. Wir sind zu einem Drittel fertig. Realistische Schätzung: drei weitere Wochenenden. Pessimistische Schätzung: bis Pfingsten.
Übrigens: Wer Tipps hat, wie man Antifouling-Farbe aus einem Kindergesicht bekommt – ich nehme gerne Vorschläge entgegen.
Refit Antifouling Familie
Mein Vater ist gestern Morgen gestorben. Er war 71. Er hat mir das Segeln beigebracht, wie man einen Achtknoten bindet, wie man im Hafen einparkt, ohne mit anderen Booten zu reden, und wie man ein Boot „Frische Brise" tauft, weil das so viel verspricht.
Die Frische Brise war meine erste Jolle. Ein 16-Fuß-Schiff, gelb angemalt, mit einem Riss im Kiel, den wir nie ganz repariert bekommen haben. Ich war neun, als er sie mir geschenkt hat. Ich war zwölf, als ich allein aus dem Hafen rausgesegelt bin. Ich war fünfzehn, als ich mich getraut habe, ihm zu widersprechen, was die richtige Halse angeht. Er hat gelacht und gesagt: „Du bist meine Tochter."
Heute weiß ich, dass das keine Erklärung war, sondern ein Kompliment.
Ich kann gerade nichts weiter schreiben. Ein anderes Mal.
Persönliches Trauer Familie
[ Foto: Klippen bei Hammershus, Bornholm ]
Wir waren zu viert: Jan, Frieda (jetzt zwei!), Steffi, Markus. Plus mein Vater, der eigentlich nur einen Tag bleiben wollte und dann in Allinge zugestiegen ist und mit uns zwei Wochen lang Schären, Klippen und Wind erlebt hat.
Es war seine letzte große Tour, glaube ich. Er ist mit dem Auto über Rødby zurück, hat in Travemünde Frieda nochmal gedrückt und gesagt: „Pass mir auf das Boot auf." Das hat er bei jedem Abschied gesagt, seit ich denken kann.
Bornholm war wie immer: zu touristisch in den Hauptorten, zu schön in den Nebenhäfen. Wir lagen drei Tage in Christiansø, weil das Wetter nicht mitspielte, und das war einer der besten Drei-Tage-Aufenthalte meines Lebens.
Bornholm Christiansø Familientörn
Frieda ist jetzt zwei und unsere Wahrnehmung von „relaxtem Wochenendsegeln" hat sich grundsätzlich verändert. Ehrliche Liste:
Was funktioniert: Schwimmweste mit Lifebelt. Sicherungsleine im Cockpit. Klare Regeln (drinnen oder festgeleint). Snacks, immer Snacks. Mittagsschlaf-fähige Salonkoje. Ein zweites Paar Hände an Bord (Steffi, du bist Heldin).
Was nicht funktioniert: Ankerlieger ohne Plan. Längere Schläge bei Welle. Die Idee, „nebenbei" Karten zu lesen. Romantische Sonnenuntergangs-Ankerlieger zu zweit (lol).
Was wir nicht erwartet hatten: Frieda ist im Cockpit ruhiger als zuhause. Vielleicht das Schaukeln. Vielleicht der Wind. Vielleicht die Tatsache, dass Mama und Papa sich gegenseitig nicht so anschnauzen, wenn ein Kreuz vor uns liegt.
Familie Sicherheit Frieda
Manchmal sitze ich im Regio nach Hamburg, lese gerade die x-te Mail über AutoCAD-Lizenzen und denke: Was mache ich hier eigentlich? Dann schaue ich aus dem Fenster, sehe die Felder bei Reinfeld und denke: Aha. Da, in 90 Minuten, da liegt mein Boot.
Ich pendle jetzt seit drei Jahren nach Hamburg. Ich kenne die DB besser, als mir lieb ist. Aber das Pendeln hat einen Vorteil: ich habe morgens und abends 90 Minuten, in denen mir niemand was will. Im Sommer plane ich da Törns. Im Winter lese ich Segelbücher. Im Frühling sortiere ich Fotos vom letzten Jahr.
Vielleicht ist das das Geheimnis: nicht die Stunden auf dem Boot zählen, sondern die Stunden, in denen man darüber nachdenkt.
Alltag Pendeln Reflexion
Erste komplette Saison mit Frieda. Frieda ist jetzt 1,5 und hat insgesamt 23 Übernachtungen an Bord verbracht. Sie hat zwei Mal über Bord gespuckt, einmal im Hafen, einmal vor Falster. Sie hat einmal versucht, eine Klampe zu essen. Sie hat mehrfach Möwen vorgesungen.
Wir haben zusammen 612 Seemeilen gemacht. Schweden, Bornholm, Heimatrevier. Onkel Bernd war drei Mal mit, Steffi und Markus zwei Mal, und meine Eltern einmal – zum Geburtstag von Papa.
Das Boot kommt nächste Woche raus. Refit-Themen: Saildrive prüfen, Vorsegel zur Reparatur, neues Funkgerät (das alte aus 2007 ist nun wirklich durch). Im Winter werde ich versuchen, hier öfter zu schreiben. Vielleicht.
Saisonende Bilanz Frieda
[ Foto: Subnetz vor der schwedischen Küste ]
Eine kurze Tour, weil mein Urlaub knapp war. Travemünde – Bornholm – Ystad – Bornholm – Travemünde, zehn Tage, viel Wind, eine kleine Reparatur (Genuawagen), eine sehr glückliche Frieda.
Ystad ist immer einen Anlauf wert. Der kleine Hafen, die Altstadt, das Café in der Stortorget, in dem ich seit 2014 jeden Sommer einen Kaffee trinke (auch als ich schwanger war, aber ohne Espresso, dann eben Apfelschorle). Es gibt Orte, an denen man älter wird, ohne dass es weh tut.
Auf dem Rückweg nachts Mond, Sterne, leichtes Sirren der Wanten. Frieda schlief, Jan steuerte, ich hatte eine Tasse Tee in der Hand und wusste: dafür mache ich das.
Schweden Ystad Familientörn
Erstes Mal mit dem neuen Hauptsegel. Es zieht. Es zieht so gut, dass Jan nach zehn Minuten gefragt hat, ob wir vielleicht zu viel Tuch haben für die Bedingungen. Wir hatten nicht zu viel Tuch. Wir waren nur einfach schneller, als wir das vom alten Segel kannten.
Heiligenhafen war Pfingsten voll, aber wir kamen am Donnerstagabend an, hatten einen guten Platz und sind erst Sonntagmittag wieder los. Die Sonne war so unglaublich, dass Frieda eine Sonnencreme-Schicht von ungefähr zwei Zentimetern brauchte. Sie sieht jetzt aus wie ein winziger Geist mit roten Wangen.
Heiligenhafen Pfingsten Saisonstart
Moin. Ich bin Anna, ich bin 29, ich segle seit ich denken kann, und ich habe seit gestern ein Boot, das ich tatsächlich mein eigenes nennen darf. Naja, eigentlich gehört es Jan und mir gemeinsam, aber sagen wir: meins.
Sie heißt Subnetz, ist eine Hanse 345, Baujahr 2011, in einem ordentlichen Zustand mit ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. Der Name ist eine Idee von mir – ich arbeite in der IT, und Jan hat lange gegen den Namen protestiert, bis er kapiert hat, dass ich ihn ernst meine. Jetzt gefällt er ihm. Sagt er.
Ich werde hier in den nächsten Jahren vermutlich Törnberichte schreiben, ein paar Refit-Geschichten, vielleicht ab und zu was Persönliches. Hauptsächlich für mich selbst – aber wenn jemand mitlesen will, gerne.
Ich poste das hier von zuhause aus, aus einer kleinen Wohnung in Lübeck-St. Jürgen, wo wir mit unserer Tochter (gerade ein Jahr alt) leben. Das Boot liegt zehn Minuten mit dem Auto entfernt, in Travemünde. Näher geht's nicht, also sehr gut.
Bis bald,
Anna L.-S.
Über Erster Post
Ach Anna. Ich hoffe doch sehr, dass du noch schreibst! Wir haben uns die Schweden-Posts noch im Winter immer wieder durchgelesen. Wenigstens ein Post pro Jahr! ❤️
Mein Mädchen, du schreibst, wenn du schreibst. Hauptsache, ihr seid auf dem Wasser. Grüße an Jan und die kleine Frieda.